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Info-Mail Schach Nr. 432


heise online - Computer-Schach: Deep Blues Nachfolger gegen Vizeweltmeister

21.04.2005 13:40

Computer-Schach: Deep Blues Nachfolger gegen Vizeweltmeister

1997 schlug der Schach-Spezialrechner Deep Blue[1] den damaligen Weltmeister
Garri Kasparow in einem Match über sechs Partien und wurde sofort danach
demontiert.
Heute spielen nach Ansicht vieler Experten, darunter auch Kasparow selbst,
ganz normale PC-Programme wie Shredder[2] oder Fritz[3] viel besser als
damals
Deep Blue. Aber auch die Großmeister haben sich mittlerweile auf die
Schwachpunkte der Software eingeschossen, wie die unentschiedenen Matches
zwischen
Kramnik und Fritz[4], Kasparow und Junior[5] sowie Kasparow und Fritz[6]
zeigten. Zeit also für eine neue, in Hardware gegossene
Schach-Spezialmaschine,
die die Menschen das Fürchten lehrt?

An genau so einem Projekt arbeitet die Pal Group of Companies aus den
Vereinigten Arabischen Emiraten. Ihr Hydra[7] getauftes Programm machte
bereits durch
einen Matchsieg gegen das stärkste PC-Programm[8] Shredder und durch Siege
gegen starke Großmeister[9] von sich reden. Vom 21. bis 26. Juni 2005 tritt
Hydra gegen den Vizeweltmeister der Schachorganisation FIDE, den Briten
Michal Adams[10] an. Adams, derzeit die Nummer sieben in der Welt, wird
sechs Partien
gegen das Hardware-Monster spielen. Zu gewinnen gibt es für ihn 25.000
US-Dollar für jede Partie, in der er Hydra schlägt. Remispartien werden ihm
mit
10.000 US-Dollar versüßt, für eine Niederlage bekommt der Großmeister gar
nichts. Den Kontrahenten stehen pro Partie jeweils 100 Minuten für die
ersten
40 Züge und 50 Minuten für die nächsten 20 Züge zur Verfügung. Sollte die
Partie bis dahin noch nicht beendet sein, erhalten sie nochmals 15 Minuten
für
die restlichen Züge, wobei jeder gespielte Zug einen Zeitaufschlag von 30
Sekunden einbringt.

Hydra läuft auf einem Linux-Cluster mit 32 Dual-Xeon-Rechnern, in denen
insgesamt 32 mit einem VirtexII-Pro 70 ausgerüstete FPGA-Karten ADM-XP-70
der Firma
alpha data[11] stecken. Der darauf enthaltene PowerPC-Core wird aber von
Hydra (noch) nicht genutzt. Die Arbeitsweise ähnelt der von Deep Blue: Hydra
durchsucht
den Spielbaum auf den beteiligten PCs per Software bis zu einer bestimmten
Tiefe und übergibt die erreichten Endstellungen an die FPGA-Karten. Diese
hängen
noch eine kurze Suche dran, bewerten die resultierende Stellung und
übergeben wieder an die PC-Software, die dann mit anderen Varianten das
Gleiche macht.
Die Schwierigkeit an dieser Technik ist die Redundanz: Es ist nicht gerade
einfach, eine Suche im Spielbaum zu parallelisieren, ohne Berechnungen dabei
doppelt und dreifach ausführen zu müssen. Für die Koordinierung der der
Rechner hat sich die Pal Group daher einen Spezialisten ins Boot geholt, Dr.
Ulf
Lorenz von der Universität Paderborn, der seit Jahren auf diesem Gebiet
forscht. Für die FPGA-Programmierung ist Dr. Chrilly Donninger zuständig,
der seit
Anfang der 90er Jahre Schachprogramme entwickelt, das Eröffnungsbuch des
Programms betreut der deutsche Großmeister Christopher Lutz.

Nach den Aussichten seines Babys befragt, sagte Donninger gegenüber heise
online: "Prognosen, die die Zukunft betreffen, sind immer riskant. Es hängt
auch
davon ab, wie sich Adams vorbereitet. Ich glaube, am Ende wird er ziemlich
in den Seilen hängen. Sechs Tage hintereinander auf vollen Druck spielen ist
sehr hart. Mein Wunschresultat ist 3.5 zu 2.5 für Hydra. Der worst-case ist
0:6, aber 6:0 wäre fast genauso schlimm. Wobei wir natürlich nichts
unternehmen
werden, um es künstlich spannend zu machen." Viel hinge auch davon ab, ob
die Spieler ihnen genehme Stellungen erreichen könnten. Während Hydra im
offenen
Schlagabtausch glänzt, wird sich Adams in eher geschlossenen Stellungen
wohler fühlen: "Computerschach und menschliches Schach sind zwei
verschiedene Spiele,
die zufällig auf demselben Brett mit denselben Figuren ausgetragen werden.
Es kommt darauf an, welches Spiel gespielt wird." Ein ausführliches
Interview
mit Chrilly Donninger[12] hat die Fachzeitschrift CSS Online[13] geführt.
(Lars Bremer) /
(jk[14]/c't) (
jk/
c't)

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[9]
http://www.heise.de/newsticker/meldung/52000
[10]
http://www.fide.com/ratings/card.phtml?event=400041
[11]
http://www.alpha-data.com/
[12]
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