Wenn Sie den Newsletter Info-Mail Schach in Zukunft kostenlos per Mail
erhalten möchten, klicken Sie einfach auf den "Abonnieren"-Button.
Sollte das aus irgendwelchen Gründen nicht funktionieren, so können
Sie mir auch einfach eine
Mail schicken.
Info-Mail Schach Nr. 1241
Des Alten letzter Traum...
(Ein Schachmärchen von Andreas Keil, Brüssel)
(Erstveröffentlichung: Karl 4/2006)
Heute brauchten sie ihn noch einmal!
Dieser Gedanke spornte den Alten an, als er morgens seine Augen öffnete..
Langsam folgte der Blick des Alten den sonntäglichen Sonnenstrahlen, die
matt durch die dicken Gardinen glitten.
Sie spiegelten sich an dem überdimensional grossen, hölzernen Schachbrett
wieder, das Ihm seine Mannschaftskameraden zum 90. Geburtstag geschenkt
hatten:
Die weissen Felder blendeten seine alten Lider, doch die schwarzen schienen
so klar wie nie zuvor.
Feld für Feld wanderte seine Augen die lange schwarze Diagonale entlang, von
h8, wo er sich oft erfolgreich verbarrikadiert hatte, über g7, seinem
geliebten Fianchetto-Feld, nach f6 und c3, wo er so manches Opfer gebracht
hatte, bis hin zur entfernten Ecke nach a1, von der aus er einigen
langrochierten weissen Königen schwer hatte zusetzen können.
Sicher, die Zeiten, als er in seiner Heimatregion als gefährlicher Gegner
gefürchtet war, waren lange vorbei, aber das änderte nichts an seiner
Begeisterung für das Spiel und an seinem Ehrgeiz, für seinen Schachklub da
zu sein.
Heute stand ein wichtiges Punktespiel an. Der Alte hatte sich nicht lange
geziert, als die Mannschaft ihn darum bat, sich noch mal ans Brett zu
setzen. Trotzdem wusste er, dass dies auch ein Akt der Ehrerbietung ihm
gegenüber war. Nicht nur hatte er in den letzten Jahren kaum noch gespielt,
auch fiel es ihm zusehends schwerer, sich über Stunden am Brett zu
konzentrieren.
Zudem trat er heute gegen Jung an, einen aggresiven, aufstrebenen
Schachspieler, der ihn in seinem letzten Turnier vor ein paar Jahren mit
relativer Leichtigkeit überspielt hatte.
Ja, er war sich der Schwere seiner Aufgabe bewusst, aber Angst vor einer
möglichen Niederlage hatte Er nicht; das hatte schon vor Jahren aufgehört.
Als der Mannschaftsleiter die Paarungen vorlas und mit schelmischem
Grinsen - und unter fröhlicher Anteilnahme der anderen Spieler - "an Brett
8: Jung gegen Alt" verkündete, spürte der Alte ein herausforderndes Kribbeln
in den Fingerspitzen. Natürlich musste ihn niemand mehr vorstellen,
natürlich kannten alle nicht nur seinen Namen, sondern auch seine
Verdienste, und tatsächlich waren die meisten Anwesenden seine Schachschüler
gewesen.
Jetzt war er bereit zu spielen, so wie immer, mit grosser Hingabe und
letztem Einsatz.
Weiss: Jung
Schwarz: "Der Alte"
1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. f3!?
Jung spielte nicht nur blitzschnell, sondern auch mit einem blitzenden
Lächeln im Gesicht.
Offenes Sizilianisch mit 5. f3; der Alte atmete tief durch. Eigentlich
liebte er es, sich erst mal ruhig aufzubauen: Entwicklung, Rochade, dann
langsam aus einer sicheren, aber aktiven Position heraus nach Löchern im
gegnerischen Lager suchen. Danach sah es nun gar nicht aus.
Ruhige Drachen- oder Igel-Züge würden ihm die eingeengte schwarze Stellung
nach weissem c4 aufbürden.
Er musste schon einige Minuten regungslos auf das Brett gestarrt haben, als
sein Mannschaftsleiter ans Brett trat, ein grauhaariger Mann, etwas über 60.
Als jungem Burschen hatte er diesem gepredigt, lieber mit fliegenden Fahnen
unterzugehen, als sich in eine dem eigenen Geschmack gar nicht liegende
Stellung drängen zu lassen.
5..e5 6. Lb5+ Sbd7 7. Sf5 d5!
'Das fühlt sich richtig an', dachte der Alte, nachdem er sich letztendlich
zu dieser Zugfolge durchgerungen hatte. Was aber nach dem normalen 8. exd5
im Theoriebuch steht, wusste er nicht mehr. Sein heissblütiger Gegner hatte
indes etwas anderes vorbereitet.
8. Lg5?
Schwungvoll krachte Jung diesen langen Zug aufs Brett, stand auf, streckte
sich und begann, vergnügt am Knoten seines Verflegungsbeutel zu nesteln.
Der Alte spürte, dass sein Gegner erreicht hatte, was er wollte -
Verwicklungen!
Der Alte versuchte, ein paar Varianten durchzurechnen, aber gelingen wollte
ihm das nicht. Als er sich endlich damit abfand, dass es keine ruhige
Positionspartie werden würde, hatte sein Gegner einen Apfel hervorgezaubert
und mehrfach an einer bunten Flasche gesaugt, die die rätselhafte Aufschrift
"Energy Drink" trug.
'Gut', überlegte der Alte, 'Schach ist halt ein kompliziertes Spiel!'
8..Da5+ 9. Sc3 d4 10. Sxd4 exd4 11. Dxd4
Grundsätzlich war der Alte jetzt mit sich zufrieden, denn er hatte die
Herausforderung angenommen und einen Springer für zwei Bauern einkassiert.
Je länger er doch auf die weisse Dame auf der langen schwarzen Diagonale
starrte, desto gefährlicher kam sie ihm vor, und die verschränkten Arme
seines zurückgelehnten Gegenüber verstärkten diesen Eindruck.
Beide seiner geliebten Springer waren "aufgespiesst", und während er von
einer Rochade nicht einmal träumen konnte, stand Weiss dazu bereit, mit der
langen Rochade auch noch einen Turm auf die d-Linie zu beordern. Auch sah er
in Gedanken schon die weisse Dame nach e5 gleiten, und er hörte das laute
"Schach mit Damenverlust!" seines Gegners nach Le7 und Lxd7+ schon in seinen
Ohren schallen. Diesmal versuchte der Alte gar nicht erst, irgendwelche
Varianten durchzurechnen, sondern verliess sich gleich auf sein Gefühl.
11...Lb4!?
Vielleicht gelänge es ja, den Sc3 und den Lb5 loszuwerden. Oder nach De5+
auf f8 ein sicheres Plätzchen für den König zu finden. Oder in ein Endspiel
mit isoliertem weissen Doppel-Bauern auf der c-Linie einzulenken?!
Jung lehnte sich weit über das Brett und vergass dabei seinen Apfel.
Der Alte ahnte, dass sein Gegner wohl allerhand durchrechnen würde. So
ergriff er seinen Stock, kämpfte sich auf seine gebrechlichen Beine und
schlurfte ins Nebenzimmer, um sich einen einfachen schwarzen Tee zu machen.
Er füllte das dampfende Getränk in den kleinen verbogenen Metall-Pott, über
den seit Jahrzehnten gewitzelt wurde, den sich aber niemand zu entsorgen
getraut hatte.
Als der Alte den Pott vorsichtig neben dem Schachbrett nieder stellte,
krachte sein Gegner das nächste Schachgebot aufs Brett.
12. Lxd7+ Lxd7 13. Lxf6 gxf6 14. 0-0-0 Le6 15. Sd5 Lxd5 16. Dxf6?!
Der Alte hatte bisher nur reagiert und blickte nun ungläubig auf die
kraftstrotzende weisse Dame. Sollte ihn sein Schachgefühl, entwickelt in
Hunderten von Partien, erprobt in jahrzehntelanger Spiel-Praxis, so
täuschen?
Hatte er nicht alles gemacht, was er seinen Schülern angespriesen hatte:
Aktiv gespielt, Figuren in der Eröffnungsphase nur einmal gezogen und
gefährlich gegnerische Figuren abgetauscht?
Und nun prozte da diese weisse Dame, verdarb ihm die Rochade und drohte, mit
Dxh8+ mindestens einen Turm zu rauben oder nach Txd5 den Exitus des
schwarzen Monarchen zu unterstützen. Der Alte kroch förmlich in das Brett
hinein. Er spürte, dass er hier etwas zu beweisen hatte. Alles um das Brett
herum verschwand in einem unwichtigen Nebel.
Plötzlich bewegte sich seine rechte Hand zitternd, als ob sie nicht zu ihm
gehörte, auf seine schwarze Dame zu und bewegte diese schrittweise vorwärts.
16...Dxa2!!
Der Alte hielt den geschlagenen Bauern fest in der Hand und bewegte sich
keinen Millimeter. Er spürte, wie die Augen seines Gegners unruhig von h8
nach a1 und wieder zurück wanderten. Jung legte seinen Apfel neben den Pott
des Alten; dann schlug er zu.
17. Dxh8+
Turmgewinn und Schachgebot!
17...Ke7
Ohne jegliche Regung schob er den König mit nur einer Fingerspitze nach
vorne. Der Körper des Alten war bis aufs Äusserste gespannt. Seinem
verbleibenden Turm auf a8, den er nun ebenfalls der weissen Dame zum Frass
vorwarf, schenkte er keinerlei Beachtung. Er starrte einzig und allein auf
das Feld a1.
18. De5+
"Schach"! Natürlich hatte Jung das schwarze Matt mit Da1 gesehen, das ihn
dazu zwang, den zweiten schwarzen Turm zu verschmähen, und er begann, nervös
auf dem Stuhl hin und her zu rutschen.
18...Le6 19. Dc7+
Und zum fünften Male "Schach", aber nur noch mit leiser Stimme. Jung hatte
berechnet, dass ihm 19. Dg5+ nicht weiterhalf, weil nach 19.f6! 20. Dg7+ Lf7
alle Tricks mit Td7+ daran scheitern, dass die Dame von a2 aus den Lf7
deckt. Der Alte starrte indessen wie gebannt auf den weissen Monarchen.
19..Ke8
Wieder nur mit Fingerspitzen zog der Alte den König auf sein Heimatfeld
zurück, gefühlsmässig des Weissen Hoffnung auf Kf8? Td8+ zunichte machend.
20. c3
Und fast bewegungslos führte der Alte jetzt einen weiteren kurzen Zug aus,
der die weisse Herrin auf die verzauberte lange schwarze Diagonale zurück
treiben sollte.
20..Tc8 21. De5
Plötzlich explodierte der Alte aus seiner Lauerposition heraus! Er ergriff
seinen Turm und - mit der wahrscheinlich schnellsten Bewegung seit Jahren -
riss er ihn nach vorne..
21...Txc3+!!
Krach - "Schach dem weissen König!" Der zweite Turm des Alten bestand nun
auf sein Opfer!
Jung sank über dem Brett zusammen. Des Alten Geist funktionierte jetzt wie
in alten Tagen.
Mit Genuss sah er, dass sowohl das trostlose 22. Kd2 (nach Dxb2+ 23. Ke1
Tc1+) als auch das ergebene 22. Dxc3 (nach Lxc3 23. bxc3 Lb3!) dem Weissen
ein sofortiges Matt-Ende bescheren würden.
22. bxc3 La3!# Schachmatt!!! 0-1
Jung reichte dem Alten flüchtig die Hand, stand auf und trat einen Schritt
zurück.
Erst jetzt, und ganz langsam, lichtete sich der das Brett umgebende Nebel
für den Alten.
Apfel und Tee waren unberührt.
Und er war nicht allein; für ihn unbemerkt, hatten sich alle Spieler seiner
und der gegnerischen Mannschaft um sein Brett geschart und applaudierten
ausnahmslos.
Seine Hand wurde geschüttelt, seine Schultern freundschaftlich geklopft und
jemand steckte ihm sogar den weissen König in die Hemdtasche.
Als der Alte abends im Bett lag, sah er das grosse, hölzerne Schachbrett im
fahlen Licht der Strassenlampen.
Er wusste nicht, ob er am heutigen Tage wirklich aufgestanden war, oder ob
er den ganzen Tag geträumt hatte. Und als der Alte die Augen schloss, ahnte
er, dass er lange schlafen würde, sehr lange. Aber er hatte keine Angst, und
sein Lächeln zeichnete sein Glück.
Anmerkung:
Die der Geschichte zugrunde liegende Partie, Paul Robson gegen Andreas Keil,
wurde in der 1. Runde des nationalen Finales der Meisterschaften des
öffentlichen Dienstes Grossbritanniens, in Leeds, England, am 26. Juli 2006
gespielt.